© Sébastien Hirron
Leuchttürme in der BretagneGeschichte & Geschichten

Faszination Leuchtturm

„All diese Lichter sind Botschaften, die einem dem Weg weisen,“ sagt Ondine Morin, die auf der winzigen Insel Ouessant aufgewachsen ist, mit Blick auf die fünf Leuchttürme des Archipels. Heute ist sie Mitte Dreißig und führt als Fischerin und Gästeführerin ihr eigenes Unternehmen auf dem winzigen Eiland Ouessant vor der Westküste der Bretagne, dem westlichsten Zipfel Kontinental-Frankreichs.

Die größte Leuchtturmdichte der Welt im Meeres-Naturpark Iroise vor der Westküste der Bretagne

Mehr als ein Drittel aller Leuchttürme Frankreichs – 52 von insgesamt 148 – ragen entlang der zerklüfteten Küste der Bretagne empor. Viele von ihnen trotzen schon seit fast 200 Jahren den tosenden, bis zu 50 Meter hohen Wellen des Atlantiks und weisen seitdem Seeleuten aus aller Welt ihren sicheren Weg.

Fast die Hälfte der Leuchttürme der Bretagne stehen entlang ihrer Westküste, einer der gefährlichsten Seestraßen der Welt. Mit ihren 20 Leuchttürmen ist die Irische See (Mer d’Iroise) das Seegebiet mit der größten Konzentration an Leuchttürmen weltweit.

Bei ruhiger See, wenn die Sonne vom blauen Himmel über die schier endlose Wasseroberfläche des Atlantiks strahlt, fahren Christel Peron und ihr Ehemann Lucky an Bord ihres Zodiacs mit ihren Gästen durch die Irische See. Seit 2007 ist das Meer vor der Küste der Bretagne als Naturpark – damals der erste Meeres-Naturpark Frankreichs – ausgezeichnet. Mit Blick auf die immensen Wassermassen und die imposanten Türme baucht es dennoch nur wenig Fantasie, um sich den harten Alltag der Leuchtturmwärter vorzustellen.

Von der Hölle ins Paradies: Die Karriereleiter der Leuchtturmwärter

„Leuchtturmwärter zu sein, das war kein Beruf, das war eine Berufung. In den Höllen waren sie mitten im Meer nur sich selbst überlassen,“ erklärt Christel, als das Zodiac dicht am Leuchtturm Kéréon, der wie ein steinernes Monument aus dem Ozean ragt, vorbeifährt.

Hölle? So nennen Leuchtturmwärter die Türme mitten im Ozean, nur auf einem Felsen gebaut, umgeben von nichts als Wasser. Oftmals mussten sie sich in waghalsigen Manövern entlang einer Seilwinde in den Turm hangeln, wenn der Atlantik so schäumte und bebte, dass ihr Boot nicht anlegen konnte. Später seilten sich die Leuchtturmwärter von Helikoptern ab.

Seit 1916 schon widersetzt sich der Leuchtturm Kéréon zwischen den Inseln Ouessant und Molène den Fluten des Fromveur, der mit bis zu neun Knoten eine der stärksten Meeresströmungen der Welt ist. „Nul a passé Fromveur sans connaître la peur,“ niemand hat je ohne Angst den Fromveur passiert, ist eine gängige Redewendung unter Seeleuten.

Manchmal konnten Leuchtturmwärter aufgrund der widrigen Bedingungen gar nicht abgelöst werden. 101 Tage, fast 3 Monate am Stück, musste ein Wärter 1922 allein im Leuchtturm Ar-Men, weiter südlich vor der bretonischen Westküste, verbringen. Ar-Men gilt als die Hölle der Höllen: 14 Jahre dauert der Bau, von 1867 bis 1881, denn die Baustelle im Ozean war oftmals schlichtweg nicht erreichbar. Und wenn doch, dann meist um festzustellen, dass der Ozean in der Zwischenzeit die Grundsteine mit sich gerissen hatte. Durchschnittlich konnten die kühnen Arbeiter, viele von ihnen erfahrene Seemänner, nur 10 Stunden pro Jahr effektiv am Turm arbeiten.

Da verwundert es wenig, dass für die Leuchtturmwärter neben den Höllen im Meer die Leuchttürme auf den Inseln wie Fegefeuer und die Leuchttürme an Land gar das Paradies auf Erden sind – mit festen Arbeitszeiten, Familie und sozialem Leben und etwas mehr Sicherheitsabstand als nur ein paar Zentimetern Stein zum donnernden Ozean. Die jungen Leuchtturmwärter begannen daher ihre Karriere in den Leuchttürmen im Meer und arbeiteten sich über die Jahre bis in die ruhigeren Leuchttürme an Land vor.

Die ersten Leuchtturmwärter waren tatsächlich Mönche

„Ich habe die Gerüche und Geräusche noch im Kopf, als sei es gestern gewesen,“ erinnert sich Seemann Louis Cozan, der zwei Jahre in den Leuchttürmen vor Ouessant Leuchtturmwärter war. „Wir lebten im Grunde wie die Mönche.“ Und in der Tat sind Mönche, die auf den Türmen ihrer Abteien an der Küste nachts ein Feuer entzündeten und bewachten, im Grunde die ersten Leuchtturmwärter der Geschichte. Erst Ende des 17. Jahrhunderts wurden die ersten Leuchttürme gebaut, deren Technik sich bis ins 20. Jahrhundert hinein immer weiterentwickelte: vom offenen Feuer über Öllampen bis zur elektrischen Fresnel-Linse, die das Licht der erstaunlich kleinen Birne dank ihres ausgeklügelten Systems bis zu 50 Kilometer weit auf den Ozean werfen kann.

Leuchtturmwärter waren maritime Alleskönner: Erfahrene Seeleute und Fischer, Mechaniker, Handwerker, Maler und ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch Funker und Elektrotechniker. Das Berufsbild des Leuchtturmwärters entwickelte sich um 1800, als die Schifffahrt buchstäblich in Anzahl und Geschwindigkeit Fahrt aufnahm. Bis in die 1950er Jahre gab es in Brest ein spezielles Ausbildungszentrum für Leuchtturmwärter. Und in ihrer Freizeit? Flaschenboote bauen, angeln, kochen und stricken waren die beliebtesten Hobbies.

Schon ab Anfang des 20. Jahrhunderts werden jedoch Techniken gesucht, um zumindest die Höllen im Meer auf Automatikbetrieb umzustellen. 1936 ist der Leuchtturm Nividic vor der Insel Ouessant der erste Leuchtturm, der vollautomatisch in Betrieb genommen wird. Ab der 1990er Jahre werden die anderen Höllen automatisiert: 1990 Ar-Men als einer der ersten und 2003 Kéréon als einer der letzten Türme im Meer. 2019 geht mit Henri Richard am Cap Fréhel schließlich der letzte Leuchtturmwärter der Bretagne in Rente.

Mit Ondine Morin unterwegs auf der Insel Ouessant

Historisches und Abenteuerliches aus der Geschichte der Leuchttürme und ihrer Wärter erleben Besucher hautnah im Museum der Bojen und Leuchttürme auf der Insel Ouessant im Meeres-Naturpark Iroise. Sie können das Museum gar nicht verfehlen, genau genommen sehen Sie es schon von England aus, denn es ist im Leuchtturm mit der weitesten Strahlkraft Europas zu Hause, im schwarz-weiß gestreiften Leuchtturm Créac’h. Dieser Leuchtturm ist übrigens auch heute noch rund um die Uhr besetzt, denn er ist der Knotenpunkt aller inzwischen automatisierten Leuchttürmen vor der bretonischen Westküste: Fällt ein Leuchtturm aus, geht der Alarm hier ein. Sofort werden Technikteams angefordert und alle Schiffe gewarnt.

Insgesamt fünf Leuchttürme ragen auf und neben Ouessant 20 Kilometer vor der bretonischen Küste empor. Die Insel ist der westlichste Zipfel Kontinental-Frankreich, danach kommt nur noch weiter Ozean und irgendwann die Küste Neufundlands.

Ondine Morin ist auf Ouessant aufgewachsen und heute Fischerin und Gästeführerin auf der 500-Seelen-Insel im Atlantik. „Oft fragt man uns, ob uns das nicht stört und ob wir bei dem Licht überhaupt schlafen können. Aber wir Kinder haben es geliebt. Der verlässliche Rhythmus der Leuchttürme hat uns sanft in den Schlaf gewogen,“ erzählt Ondine. Wenn die Leuchttürme ihre Strahlen in den schwarzen Meereshimmel werfen, führt sie ihre kleinen Gästegruppen über die Insel und erzählt ihnen aus dem Leben auf der Insel damals und heute sowie von Faszination und Funktion der Leuchttürme. Jeder Leuchtturm hat sein eigenes Signal, seinen eigenen Rhythmus. Und trotz moderner GPS-Geräte sind alle Küstenländer auch heute noch zu visuellen Signalen auf See verpflichtet.

Mit Christel & Lucky im Meeres-Naturpark Iroise

Riesige Wassermassen, die sich ständig bewegen, aber kaum erwärmen, sind zwar eine Herausforderung für die Seefahrt, aber sie bringen auch eine einmalige Biodiversität hervor. Ein Viertel aller Meeres-Säugetiere Frankreichs, insbesondere Kegelrobben und zwei Delfinkolonien, sowie fast alle Fischarten der Atlantik- und Ärmelkanalküste sind hier, in der Irischen See, zu Hause. Außerdem ist der Meeres-Naturpark, der von Ouessant im Norden bis zur Insel Sein im Süden fast die gesamte Westküste der Bretagne umfasst, mit 300 Algenarten das größten Algenfeld Europas.

„Die Begegnung mit einem Delfin ist etwas sehr Emotionales. Sie regen zum Träumen an. Sie entführen uns vielleicht in eine geheime Welt. Ich liebe es, das Lächeln in den Augen unsere Gäste an Bord zu sehen. Es geht einfach allen so,“ erzählt Christel so leidenschaftlich, dass man sofort mitgerissen wird. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Lucky ist sie seit zehn Jahren nahezu täglich im Meeres-Naturpark unterwegs und doch schwärmt sie begeistert: „Wenn man morgens auf das Boot steigt, weiß man nie, was einen auf dem Wasser erwartet. Jeder Tag ist anders, das Meer, das Licht. Jeden Tag brechen wir zu einem neuen Abenteuer auf.“

Ihre Gäste für alle Besonderheiten des Meeres-Naturparks und den Schutz dieses fragilen Ökosystems zu sensibilisieren, liegt Christel und Lucky am Herzen: „Wir verkaufen keine Delfine. Um hier unterwegs zu sein, muss man demütig sein gegenüber dem Meer und respektvoll gegenüber der Natur. Beides geht fest miteinander einher.“ Dass die Delfine oftmals so nah neben dem Zodiac springen und spielen, hängt damit zusammen, dass die beiden fast täglich im Meer unterwegs sind. Die Delfine kennen das Boot und Christel jeden einzelnen Delfin beim Namen. Sie kann sie an ihren Flossenformen unterscheiden. Christel und Lucky arbeiten außerdem eng mit dem Meeres-Naturpark zusammen.

Die Ausflüge in den Meeres-Naturpark Iroise an Bord des 10 Meter langen Zodiacs für max. 12 Personen starten entweder ab Le Conquet in Richtung der Inseln Molène und Ouessant an der nördlichen Westküste oder ab Saint-Guénolé Richtung Leuchtturm Ar-Men im südlichen Teil des Meeres-Naturparks. Dank ihres Wissens und ihrem Respekt gegenüber dem Meer sind Christel und Lucky mit ihrer Firma „Archipel Excursions“ die einzigen, die geführte Zodiactouren zum Leuchtturm Ar-Men unternehmen dürfen.

Umleitung für Frachter

„Griechen, Römer, Wikinger, Engländer – wenn wir uns die Landkarte Europas anschauen, sind wirklich alle durch diese Passage gefahren. Und das war jedes Mal wie russisches Roulette,“ sagt Lucky. „Im Laufe der Jahrhunderte haben hier tausende Seeleute Schiffbruch erlitten.“

Noch heute führen die Handelsrouten der Containerschiffe – mehr als 50.000 sind es jedes Jahr, die zwischen 80 und 90 Prozent der in Europa gehandelten Güter transportieren – entlang der bretonischen Westküste. Denn der Seeweg ist die kürzeste Verbindung zwischen der Straße von Gibraltar und dem Ärmelkanal. Doch bereits seit 1979, seit dem Tankerunglück der Amoco Cadiz, ist die Abkürzung durch den Fromveur für Frachter untersagt. Stattdessen werden sie über die „Rail d’Ouessant“ 70 Kilometer weiter westlich umgeleitet – zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz der Biodiversität im Meeres-Naturpark Iroise.

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Offizielle Website des Tourismusverbands der Bretagne
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